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Tageskarte erhöht Schreibaufwand

28.07.2005 / LOKALAUSGABE / BOTTROP

Hürden vor der Zigarette werden höher


Die werdenden Nichtraucher Arndt S. und
Linda M. bleiben bei der Stange. Blauer
Dunst ist nach den Maßgaben des Rauchfrei-Trainingsprogramms
in der zweiten Woche immer noch erlaubt,
aber die bürokratischen Hürden werden höher,
und damit sinkt der Tabakkonsum.
Bisher haben sie ihre tägliche Zigarettenration
auf einem Registrierblock notiert. Arndt
hat seinen Konsum im Sechs-Tages-Durchschnitt
auf 15 Zigaretten gesenkt, Linda erlaubt
sich noch 15 Glimmstängel.

Seit dem letzten Treffen mit dem Psychologen
und Rauchfrei-Trainer Dopatka gesellt sich
zum Registrierblock eine Tageskarte hinzu,
die nun bei jeder Zigarette ausgefüllt
werden will: Wann, warum, in welcher Situation...:
das nervt, erklären die beiden. Das soll
es auch, denn ihnen wird bewusst, wieviel
sie rauchen. "Warum steck' ich mir die
jetzt an?": Arndt sieht sich ständig mit
dieser Frage konfrontiert, aber ebenso
sehr spürt sein Körper noch das Diktat
der Sucht: "Du rauchst jetzt eine, ob du
willst oder nicht." Als größten Gewinn
des nichtrauchens betrachtet der 26-Jährige
Krankenpfleger ein bewussteres, gesünderes
Leben und Unabhängigkeit: Arndt will nicht
mehr, dass "die Zigarette mein Leben beherrscht."

Linda ist ein wenig von sich selbst überrascht,
dass sie ihren täglichen Konsum in kurzer
Zeit auf durchschnittlich unter 20 Zigaretten
drücken konnte. Aber natürlich hat sie
immer noch eine zweite Schachtel in der
Reserve. Sie beginnt, Rauch-Rituale in
Frage zu stellen: morgens beim Make-Up
hat sie sich stets eine Zigarette angesteckt
und ertappt sich jetzt bei der Frage "Muss
das sein?"
Die Angestellte erlebt ihre Umwelt als
verständnisvoll. Bei einem längeren Gespräch
mit rauchenden Kunden hat sie im Nu vier
Zigaretten weggequalmt, aber jede einzelne
brav auf der Tageskarte notiert ("es wird
lästig") und allen erklärt, was die Schreibarbeit
soll: "Es ist schon eine Sensibilisierung."
Keiner hat sich über sie lustig gemacht.
Die 49-Jährige denkt mittlerweile über
die Frage nach, ob Raucher ein latent schlechtes
Gewissen haben: "Ich denke schon, dass
alle Raucher damit aufhören wollen, dass
das ihr geheimer Wunsch ist." mls


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